Wolfgang Dietrich

Der frische Tod (Totentanz)




1
Der Tod ist der beste Chirurg, der nicht nur dem Patienten nachhaltig schadet, sondern auch sich selbst seine Weltspitzenposition durch unstillbare Raffgier immer wieder unter dem Arsch wegsäbelt.

2
Der Tod ist ein auf den Räucherschrank gesprungenes Ochsenauge, das im Dunkeln glänzt.

3
Der Tod ist das Elternpaar, das sich Nacht für Nacht über die schlafende Tochter beugt und sagt: Was haben wir denn da zusammengeboren? Dabei sind die beiden Mißgeburtstage der Eltern doch längst aus allen Kinderkalendern gestrichen.

4
Und der Tod ist unser guter Herr Pfarrer, der liest jeden Nachmittag mit seinen Schäfchen das Brevier. (Der Beichtstuhl ist ein fauler Holzzahn mit gaumenrotem Samtvorhang.) Und der Tod ist der karierte Pesthauch durch das holzvergitterte Fensterchen zwischen unserem guten Herrn Pfarrer und mir, und die Buße das verfaulte Gänseklein zwischen den Goldspangen von unserem Hochwürden, in Ewigkeit Amen.

5
Der Tod flankt sich in den staunenden Mund der alten Frau hinein, die gleich rückt und ihm den Platz freimacht, und die Frau lacht und kümmert sich um ihn wie um ihren Heinrich selig, backt ihm Mohnkuchen und Mürbeteighörnchen und klöppelt ihm zum Nachtisch ein Paradekissen mit einer gekreuzten Sichelborte.

6
Der Tod ist ein Riesenspitzer mit zwei mannshohen Löchern. In dem einen werden den tröpfelnd erfolglosen Jungkünstlern ihre Empfindsamkeiten abgeschält, im anderen den rauschend erfolgreichen Jungunternehmern ihre Skrupel.

7
Der Tod ist, wenn der Schlaf schöner ist als das Leben.

8
Der Tod ist, wenn das Bett monatelang eine plattgetretene Leberwurst ist, in die der Looser fünfmal täglich mit faulendem Gewissen zurücksteigt, um wieder etwas Zeit zu gewinnen.

9
Der Tod ist die Walze der Unentschlossenheit, unter der schon die Vormittage wie abgestempelte Briefmarken herauskommen.

10
Der Tod ist eine Milbe, die auf dem Schiebedach der Augendeckel lebt und webt.

11
Der Tod ist, wenn ich ein immer dickerer Kaktus werd, der niemals blüht.

12
Der Tod ist, wenn ich das Haus nicht mehr bau, um drin zu wohnen, sondern wenn ich es nur noch mit Filzstiften mal und so drauf abfahr, daß ich den Möbelwagen bestell.

13
Er ist ein Bruder Leichtfuß, der Tod. Er muß einfach dasitzen, seinen Fernet Branca trinken, raucht seine Roth Händle, und die Moribunden kommen schon von allein.

14
Es läuft, das Geschäft vom Tod. Er wimmelt alle ab, die bei ihm einsteigen wollen. Wer ihm das Maul nach einer Aktiengesellschaft wäßrig macht, dem brettert er eine GmbH vor die Stirn.

17
Der Tod hat nicht viel auf dem Kasten, hat einen großen Kleiderschrank, zieht sich ständig um - macht aber letzten Endes den gleichen Griff.

18
Der Tod ist dieses ständige Lächeln, dieser große Schraubverschluß über der Angst. Er ist die Unfähigkeit zu sagen, warum man gekommen ist, und dann geht man wieder und hat was gesagt, was man gar nicht sagen wollte.

19
Der Tod ist, wenn man daliegt von acht bis zwölfe, dann reißen die Ecken vom Zimmer ein, und herein rieselt die eigene Untätigkeit, wie ganz gewöhnlicher Kalksand. Und die Halde weist auf dich und langt wie Kriechsand, vom Wind getrieben, an dir hoch, und am Schluß ist ein sanft geschwungenes Joch zwischen dir und der Welt. Es ist hellblauer und rosa Sand, es ist Tag und Nacht zugleich, kleiner Junge und kleines Mädchen.

20
Der Tod ist diese runde Dämmerung, dieses 6-Uhr-Veilchenlicht, und vom ungut verzweigten Himmel fallen die Planeten wie grüne Äpfel zum Fenster herein, und du kannst sie weder essen noch an den Baum zurückhängen.

21
Der Tod ist die feuchte Pezhaube, die von alten Frauen als Todesvoranzeige schon jahrelang von November bis März unabsetzbar getragen wird.

22
Der Tod ist der ausgefahrene Schneckenkopf von diesen relaxten Latzhosen, der nur sagen kann: Ich bin irgendwie mitten in der Spirale und brauch einen neuen Tofu.

23
Der Tod von OSRAM ist, wenn du eine Zitrone in jede Glühbirnenfassung der Welt reinschrauben kannst, und es leuchtet von Grönland bis Togo.

24
Der Tod ist das an Sicherheit grenzende Gefühl, daß man bei der Beerdigung der Tante das falsche Gefühlsprogramm eingelegt hat: nämlich Figaros Hochzeit.

25
Und der Tod sitzt im Weihwasserbecken und faltet Schiffchen aus den Sterbebildern und singt extra falsch mit. Er ist das knapp danebengesungene Ite missa est, so daneben wie eine Motte mit verbrannten Flügeln, die langsam die Kellertreppe hinuntertrudelt und sich zu Tode freut, als sie in einem Spinnennetz hängenbleibt.

26
Der Tod ist das lebhafte Gefühl, nie mehr aufrecht gehen zu können, weil der Himmel wie ein Stollen nur einen Meter hoch ist, aus buckligem Glimmerschiefer mit Knoten.

27
Der Tod sind jene, die das ständige Raunen in der Gruft für den Atem der Weisheit halten. Wer tiefer schürft, hat meistens schlechtres Licht.

28
Der Tod ist die stiellose Wolkentraube überm Berg und der Schnee im Juli. Von der ersten Flocke an ist die Liebe kaputt. Da helfen die Heuwagen nichts. Es bleibt nichts, als die Lärchennadeln zu zählen, den Nieselregen und die Jahreszeiten, die wie kleine Frösche umherspringen.

29
Der Tod ist so ein eitler Depp, der im März mit großkariertem Hemd und pickelreicher Nase seinem Frühlingshütchen 3 Kilometer nachläuft, das auf gemeinste Weise von Windstößen durch Straßenschluchten gejagt und von Autoreifen immer neu gelocht, gebügelt, gefalzt und gefärbt wird, bis hinein in die Unkenntlichkeit. Das Hütchen wird letzten Endes von einer alten Frau als Riesenravioli abgeschleppt.

30
Der Tod ist, wenn die Wiederherstellungsoperationen sich jagen wie Feldhasen. Und wenn die Monate geschmeidig ineinanderrutschen wie ein Fernrohr und die Aussicht immer schlechter wird.

Wolfgang Dietrich aus: Launen, in ZdZ 9